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Seiulus simplex Chant, 1956

Bienen sind nicht allein zu Haus!

Wer hat schon mal eine Gemülldiagnose gemacht?
Eine Stockwindel eingelegt und drei, vier Tage später nach Varroa Milben gesucht und diese dann gezählt?
Habt ihr was gefunden?
Und was?
Ich wollte es selbst ausprobieren und habe was gefunden!

Die Gemülldiagnose:

Am einfachsten funktioniert es wenn man eine Beute mit Varroaboden hat. Varroaboden ist ein niedriger Kasten der als Boden der Beute fungiert, er ist nach unten hin mit einem Bienen undurchlässigen Gitter versehen, darunter folgt eine art Schublade.

Gemülldiagnose wie geht das?

Man schiebt eine saubere Schublade ein und belässt diese drei bis vier Tage drinnen. Nicht zu lange, sonst wird das Ergebnis verfälscht, da andere Insekten das was in der Schublade landet auffressen. Nach drei vier tagen entnimmt man die Schublade und hat in der Schublade sogenanntes Gemüll, also all das Zeugs was so ein Bienenvolk verliert.

Hilfsmittel?

Ja es gibt Hilfsmittel wie z.B eine Mikroskop Kamera:

Mikroskop Kamera

Ich habe mir eine gekauft und kann sie jedem nur empfehlen! Selbst im Freien hat das TFT Display immer einen sehr guten Kontrast.

Warum macht man das?

Natürlich wegen der Varroa Milbe, es heißt für den Monat Juli, dass die Schadschwelle der Varroa bei 10 Milben pro Tag liegt (bei einem Wirtschaftsvolk, kleine Völker entsprechend weniger). Fallen also 10 oder mehr Varroa’s pro Tag in die Schublade, hat das Volk ein Varroa-Problem und sollte schleunigst behandelt werden; so heißt es. Ich habe aber auch schon von Imkern gehört, bei denen landete gar keine Varroa in der Schublade, sie haben darauf hin trotzdem behandelt und danach einen großen Milbenfall festgestellt. Also ein Diagnoseverfahren das mit Vorsicht zu genießen ist!

Wie viele Varroa’s?

Ich habe zwei Völker auf Zander Zargen, 4 Tage untersucht (ein großes und ein mittel großes Volk) und hätte bei dem großen Volk nicht mehr als 4 x 9 = 36 Milben haben dürfen. Es waren bei beiden Völkern zusammen lediglich 3 Milben. Wäre mein Ziel gewesen nur Varroa Milben zu finden, wäre ich sicher furchtbar enttäuscht gewesen.

Was kann man noch finden?

Der Müll von anderen Leuten ist schon etwas eklig und dennoch sehr interessant und aufschlussreich. Das gleiche gilt für den Müll (wir sagen Gemüll, was immer Gemüll genau aussagen soll? Nicht ekliger Müll? Hmmm.) der Bienen. Also mal ganz ehrlich, Varroa’s Zählen ist schon sehr langweilig. Aber das andere Zeug im Gemüll sieht sehr spanend und vielversprechend aus.

Gemüll

Auf dem Bild oben sieht man:
Wachs, Pollen in verschiedenen Farben, Haare, Propolis, Insekten Beine, Fühler, Pilze. Und eben auch das:

Ich war sofort Feuer und Flamme ob dieser putzigen keinen Krabbeltiere. Wo kommen die her und was tun die da?

Die Causa Gamasina:

Heute schaut man erst mal ins Internet, so ich auch, lesen konnte ich da Gamasina. Gamasina was ist das? Ich las weiter und meine kleinen Freunde als Gamasina zu bezeichnen ist in etwa so hinlänglich wie die Bezeichnung Säugetier für eine Kuh. Gamasina, dass sind Raubmilben, die Varroa ist auch eine Gamasina und ein Affe auch ein Säugetier, ja der gibt auch Milch aber… lassen wir das. Ich wollte es genau wissen, darum machte ich mich auf eine spannende Reise, auf der ich von meiner Familie schon schräg angesehen wurde -Milben jetzt dreht er komplett ab-, deren Ziel die genau Bestimmung meiner Gemüllmilben sein sollte.

Wie bestimme ich eine Milbe?

Das mit dem Internet war dann nicht so hilfreich, manchmal -und ich schätze es immer noch sehr- ist das gute alte Buch immer noch die beste Wahl. Ich bin kein Biologe oder vergleichbares, machte mich angestrengt auf die Suche und fand folgendes Buch (ZVAB): “Acari (Acarina), Milben - Parasitiformes (Anactinochaeta) - Cohors Gamasina Leach - Raubmilben Taschenbuch – 1. April 1999” ISBN-10: 3334604454, ISBN-13: 978-3334604458. Ich sag es gleich das Buch war sau teuer, mann und meine liebe Frau sauer! Das Buch war sein Geld Wert, und mal ehrlich wann sind Frauen nicht sauer wenn wir mal an etwas Freude finden. Ich begann mein neues Buch gespannt und aufmerksam zu lesen, ich verstand gar nichts. Lateinisches Biologen Kauderwelsch! Ich nahm es sportlich und schrieb mir eine Liste mit der Übersetzung der Fremdwörter, zum Schluss konnte ich die Liste dann weg werfen, also man kann es lernen! Im weiteren werde ich beschreiben wie die Milben bestimmt habe, was man dafür braucht und welche Logik hinter dem System steht.

Im Grunde ist es ganz einfach:

Unsere Milbe gehört zu den Raubmilben, das war meine Prämisse von der ich ausgegangen war. Raubmilben also Gamasina (auch anderes in der Biologie) werden in Überfamilien gefolgt von den Familien, dann Unterfamilien, Tribus, und schließlich Gattung untergliedert. Bei der Bestimmung beginnt man bei der Überfamilie und arbeitet sich langsam bis zur Gattung runter. An jedem Knoten (Familie, Unterfamilie…) gibt es Verzweigungen, damit man weis wie man in dem Graphen weiter kommt, gibt es einen Bestimmungsschlüssel. Dieser Schlüssel ist ein Fragen und Gegenfragen Katalog wie Zahl der Haare am Rücken Verhältnis der Zangen usw. Alles was man zu tun brauch, ist die Milben gut zu präparieren unter ein brauchbares Mikroskop zu legen und gut zu bobachten. Dann den Bestimmungsschlüsseln im Buch zu folgen. Ich sag es gleich, ich habe eine vollen Tag gebraucht.

Was braucht man:

Im Bild oben sind die von mir verwendeten Hilfsmittel zur Bestimmung zu sehen:

Nadel, Haken (selbst aus Draht gebogen und mit Holzgriff versehen), Pinsel, Pipette, Durchlicht-Mikroskop 400x, Objektträger mit Deckglas, Essigsäure, Wasser, Glyzerin, Spiritus, ein kindliches Gemüt.

Besteck
Mikroskop
Präparat
Preparier Mittel
Arbeiten in der Küche

Milben Fangen und präparieren:

Wenn man eine Milbe unter ein Mikroskop legt, wird man wenig erkennen, außerdem wird sie vor dem Licht reiß aus nehmen. Man muss und dass ist das traurige, die Milben erst einmal Fangen und dann töten. Dazu nimmt man ein kleines Glasschälchen mit Spiritus und einen Pinsel. Man befeuchtet den Pinsel mit Spiritus, nimmt eine Milbe auf und gibt sie in das Glas mit Spiritus. Die Milbe ist sofort tot. Als nächstes müssen die Milben präpariert werden um sie später unter dem Mikroskop gut sehen zu können. Wer es hat kann dazu ein so genanntes Präparations-Mikroskop verwenden, ich habe es frei Auge und auf gut Glück versucht -geht auch-. Um die Milben auf dem Objektträge zu fixieren und um die Milben aufzuhellen, habe ich ein Mischung aus Essigsäure und Glyzerin verwendet. Als Essigsäure nahm ich Essigessenz und habe diese mit drei Teilen destilliertem Wasser verdünnt. Dazu gab ich dann Glyzerin (=dreiwertiger Alkohol, zubekommen in jeder Apotheke) 4 Teile Essigsäure 1 Teil Glyzerin. Von dieser Aufhellungsflüssigkeit gibt man mit der Pipette einen Tropfen auf einen Objektträger.

Präparat

Jetzt kommt der knifflige Teil. Mit einem Draht fischt man eine Milbe aus dem Spiritus, lässt diesen kurz verdunsten und legt dann die Milbe vorsichtig in den Tropfen auf dem Objektträger. Da man später die Milben von oben, unten und von der Seite sehen will, muss man sie in diesem Schritt entsprechend in den Tropfen ablegen. Dazu habe ich immer mehrere Milben in den den Tropfen gelegt und auf mein Glück gehofft. Das klappt schon. Zum Schluss habe ich die Milben mit einem Deckglas abgedeckt. Achtung! Die Milben sind so nicht konserviert, diese Methode eignet sich für die Bestimmung innerhalb der nächsten Tage!

Bestimmen:

Jetzt kommt der spannende Teil. Ich habe die Präparate unter das Mikroskop gelegt mit der kleinsten Vergrößerung angefangen (Lupe), die Milben zu suchen um sie mir dann nach und nach heran zu zoomen.

Milbe

Jetzt braucht man das Buch mit den Bestimmungsschlüsseln. Dort stehen Fragen, deren antworten einem immer einen Schritt weiter zur nächsten Frage führen, bis man schließlich die Übefamilie, Families usw. herausgefunden hat. So gilt es die Härchen zu zählen wie hier:

Haarpaare

Verhältnis Digitus fixus zu mobilis:

Digitus fixus

oder das Ventrianale mit den Haarpaaren:

Ventrianale

Die Befundung:

Die Befundung sieht dann wie folgt aus, die Zahl vorne ist die Nummer des Schlüssels der zutreffend war, die Zahl in Klammern wäre der konträre Schlüssel gewesen, diesen gilt es zu vereinen. Die Abb. und Seiten Zahlen sind auf das Buch bezogen.

Befundung Bestimmung der Familie nach leicht erkennbaren Merkmalen:

  • 1 (46) Dorsalschild ohne mediale, seitliche Einschnitte. (Abb. 95a).

  • 2 (5) Haarzahl auf Dorsalschild auf 14 bis 20 Paar reduziert (Abb. 128).

  • 3 (4) Keine verlängerten Rückenhaare auf der hinteren Hälfte des Rückenschildes.

Familie: Pytoseiidae Berlese S. 171

Bestimmung der Unterfamilie:

  • 2 (1) Dorsale Haarzahl reduziert, mit weniger als 25 Haarpaaren.

  • 4 (4) Digitus fixus normal entwickelt.

  • 6 (5) Dorsalschild einheitlich.

Unterfamilie: Phytosaiinae Berlese, 1916 S. 172

Bestimmung des Tribus der Phytoseiinae:

  • 2 (1) Gnathosoma nicht auffallend verschmälert.

  • 6 (3) Seitenhaarpaare auf Dorsalschild S2 bis S7 ausgebildet.

  • 8 (7) Auf dem Postscutom sind S1 bis S3 ausgebildet, S7 nicht verdickt und Z4 und Z5 stärker als die übrigen Dorsalhaare.

Tribus: Typhlodromini Karg, 1961 S. 198

Typhlodromini Karg bestimmung der Gattung:

  • 1 (2) Auf dem Postscutom weist normale Haarzahl des Tribus auf.

Gattung: Seiulus Berlese 1887 S. 203

Typus-Art: Seiulus soleiger Ribaga, 1902 Art Bestimmung.

  • 1 (4) Ventrianale mit 2 Haarpaaren (Abb. 153i).

  • 3 (2) Idiosoma weibl. 314µm lang, Auf Dorsalschild i4, i4, i5 auffallend reduziert.

Art: Seiulus simplex Chant, 1956 Auf Laubbäumen, Kräutern und Erdbeerpflanzen. Europa, südliches Russland.

Am Ende hat man eine Reise durch einen Baum gemacht:

Stammbaum

Error:

Error, böses Wort, Fehler kann ich bei meiner Bestimmung sehr wohl gemacht haben, es war immerhin meine erste Aktion dieser Art, das Mikroskop nur geborgt, von meiner Frau -die mach Zytologie, fragt mich nicht…-. Also wenn jemand die selbe Milbe findet, diese aber anders bestimmt hat, bitte melden, würde mich interessieren. Sollte ich falsch liegen, so wird es mir nicht den Schlaf rauben, dafür war dieser Tag einfach zu aufregend. In jeden Fall muss ich jetzt nicht blöd “Gamasina” oder “Milbe gefunden” hin schreiben, sondern kann so einen leckeren Satz wie diesen Zaubern: “In meiner gestrigen Gemülldiagnose fand ich unter anderem, zahlreiche Vertreter der Gattung Seiulus simplex Chant, 1956”.

Fazit:

Ab und zu einmal genau hingesehen und etwas tiefer gebohrt, sich nicht mit der erst besten Antwort zufrieden gegeben und schon einen Spannen Tag in einer völlig neuen Welt erlebet.

To be continued…

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